Also beschleunigte er seine Schritte. Die Hecke neben ihm wurde lichter, schließlich standen auf der anderen Seite des Zauns nur einzelne Bäume. Er sah den Kirchgarten, und festlich gekleidete Menschen die vor dem Portal der Kirche standen. Scheinbar war die Trauung grade zuende. Er machte einen Mann mit Zylinder zwischen den Menschen aus, wohl der Bräutigam.
Ob der seine Frau wohl so liebte wie er Iris?, schoss es ihm durch den Kopf. Bei dem Gedanken bleib er erschrocken stehen, schüttelte den Kopf und somit diesen Gedanken ab. Langsam ging er auf das schmiedeeiserne Tor zu. Es war geschlossen, aber einige Meter weiter gab es noch ein kleineres, durch welches sich noch einige verspätete Gäste stahlen, um dem Brautpaar zu gratulieren.
An dem großen Tor blieb er stehen, mit einer Hand griff er nach einem der Gitterstäbe. Ein bisschen fühlte er sich wie ein Gefangener in seinen eigenen Gedanken. Er versuchte, einen Blick auf die Brautjungfern zu erhaschen – er konnte sich Iris sehr gut in einem der hellgelben Kleider vorstellen, welche die Brautjungfern trugen. Als er erkannte, dass eine von ihnen rotes Haar hatte, schlug sein Herz bis zum Hals! Er spürte, dass er Iris ganz nah war. Er konnte es beinahe körperlich fühlen!
Aber als die Brautjunger mit dem roten Haar sich umdrehte, erkannte er, dass es nicht Iris war. Das Mädchen war höchstens 20 und sie bewegte sich ganz anders als sie. Enttäuscht wollte er sich umdrehen und weitergehen, doch dann sah er noch einmal zu der fröhlichen Gesellschaft. Die Braut sah ihn an. Obwohl die Kirche an die 100 Meter von ihm entfernt war konnte er genau sehen, wie sie ihn ansah. Traurig.
Er meinte sogar zu sehen, wie eine Träne ihre schöne Wange hinunterrann. Es war Iris.
Er hatte sie gefunden.
Zu spät.
And you can’t fight the tears that ain’t coming
Or the moment of truth in your lies
When everything feels like the movies
Yeah you bleed just to know you’re alive
Fassungslos starrte er sie an. Sie war wunderschön in ihrem wallenden, weißen Kleid, die roten Haare trug sie offen, nur von einem weißen Haarband zurückgehalten. Dieses mal sah sie nicht aus wie eine Meerjungfrau, sondern wie ein Engel. An der Seite eines anderen.
Der Schmerz, den er spürte, als sein Herz brach, brachte ihn fast zur Bewusstlosigkeit. Es war, als drückte irgendetwas seinen Brustkorb zusammen, trieb ihm die Luft aus den Lungen, raubte ihm den Atem.
Er wandte sich von dem Geschehen ab, griff sich an die Brust, während er sich fast mühevoll weiterschleppte. Er bog schließlich in eine schattige Seitenstraße. Nach einigen Schritten lehnte er sich an eine Hauswand und ließ sich zu Boden sinken.
Wellen von Übelkeit überkamen ihn.
And I don’t want the world to see me
Cause I don’t think that they’d understand
When everything’s made to be broken
I just want you to know who I am
Er wusste nicht, dass Iris in diesem Moment den Kirchhof verließ und ihn suchte. Sie hatte ihn ebenfalls nicht vergessen. Aber man konnte doch keine Hochzeit absagen, weil man einen wunderschönen Nachmittag mit einem Mann verbracht hatte! Das war doch absurd.
Aber als er eben dort am Tor stand, da wusste sie, dass es ein Fehler wäre, zu Heiraten. Da sie wenig von Traditionen hielt und ihr Vater bereits verstorben war, wollte sie die Kirche an der Seite ihres zukünftigen Ehemannes betreten. Es sollte nicht so konventionell werden, daher hatten sich alle vor der Trauung vor der Kirche getroffen.
Doch dann stand er dort. Und sie wusste, dass sie jetzt nicht heiraten konnte!
Und während sie fortlief um ihn zu suchen, saß er in dieser Gasse, rang nach Luft und starb.
I just want you to know who I am
Er starb nicht sofort, denn eine alte Frau die ihren Hund ausführt fand ihn, rief einen Krankenwagen. Diagnose vom Notarzt: Herzinfarkt. Und der Patient erst Anfang 30!
Auf dem Weg in die Klinik dachte er an Iris, und das er sie verloren hatte. Der Arzt, jung, frisch von der Uni, dachte daran, ein Leben zu retten… und an die Süße von gestern Abend aus der Bar.
I just want you to know who I am
Iris lief im Hochzeitskleid die Straße entlang und suchte ihn, wollte nach ihm rufen, doch sie kannte seinen Namen nicht. Sie hörte den Krankenwagen, doch dachte sich nichts dabei.
Irgendwann gab sie auf, kehrte nach Hause zurück.
Dort nahm sie einen Zeitungsausschnitt aus ihrem Nachttisch. Er zeigte ein Bild vom Pier und einen Artikel, unter dem das Kürzel des Redakteurs stand. So oft wollte sie bei der Zeitung anrufen und nachfragen – aber ihr fehlte der Mut. Warum auch?
Und während sie auf das Papier starrte, gaben auch die Ärzte auf, um das Leben eines Patienten zu kämpfen, der nicht mehr Leben wollte.
Sie wusste es ja nicht…
Doch es war zu spät.
I just want you to know who I am
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