Es war ein schöner, sonniger Sonntag im August. Der Himmel war strahlend blau, keine Wolke war zu sehen. In den Gärten blühten Blumen. Ein wirklich schöner Tag.

Doch er nahm das alles kaum wahr.

Wie so oft in den letzten Wochen streifte er gedankenverloren durch die Straßen der Stadt, in der Hoffnung sie zu finden. Sie wiederzusehen. Ihr einfach endlich sagen zu können, was ihm schon so lange im Kopf rumschwirrte. Seit jenem Tag im Juni, als er sie am Pier getroffen hatte…

In Gedanken war er wieder dort, an jedem Tag. Neu in der Stadt, schlecht gelaunt weil man ausgerechnet ihn losgeschickt hatte, um über die neue Seebrücke zu berichten. Hallo?! Er hatte zuletzt für die Times geschrieben! Und jetzt sollte er über ein paar Holzplanken am Strand schreiben? Immer das gleiche, wenn man irgendwo neu Anfing… Aber er hatte es an der Ostküste einfach nicht ausgehalten.

Er war ja ehrgeizig, wollte es in der neuen Redaktion zu etwas bringen. Also hatte er sich vorgenommen, das bestmögliche draus zu machen, den Fotoapparat und seinen Notizblock mitgenommen und war zum Meer gefahren.

Zuerst stromerte er etwas unsicher die Promenade entlang, machte einige Bilder vom Pier und notierte die wichtigsten Daten über das Bauwerk, die auf einem Schild standen. Anschließend wollte er noch einige Passanten befragen…

Nach drei Rentnerehepaaren und einer Clique mega-cooler Studenten – er verdrehte bei ihren Antworten auf seine Fragen innerlich die Augen – setzte er sich auf eine Bank und sah noch einmal die Bilder durch.

Und dann sah er sie! Auf dem Bild vom Pier, in einem wunderschönen hellgrünen Kleid mit wehenden roten Haaren stand sie am Geländer und sah aufs Meer hinaus. Wie eine Meerjungfrau… Ein bisschen.

Er sah vom Display der Kamera zum Pier – doch natürlich stand sie nicht dort.

Enttäuscht stand er auf und beschloss an das Ende des Piers zu gehen, dort wo sie gestanden hatte. Er wollte sehen, was sie gesehen hatte, wenn er schon nicht mit ihr reden konnte.

And I’d give up forever to touch you
Cause I know that you feel me somehow
You’re the closest to heaven that I’ll ever be
And I don’t want to go home right now

Als er sich endlich durchringen konnte, wieder in die Redaktion zurückzukehren und den verdammten Artikel zu schreiben, war es schon Mittag. Was hatte er eigentlich so lange hier getrieben?

Während er die Promenade zurück zum Parkplatz entlang schlenderte und noch einige Notizen machte, lief er in jemanden hinein. Dabei viel seine gute Kamera zu Boden! Grade wollte er seinen unaufmerksamen Gegenüber anmaulen, da sah er wer in angerempelt hatte.

Grünes Kleid, lange rote Haare, strahlende grüne Augen. Sie!

Total aus dem Konzept gebracht stammelte er eine Entschuldigung…

Und eine halbe Stunde später war die Reaktion vergessen, Kamera, Handy und Notizblock lagen im Auto und er saß mit ihr in einem Café am Strand.

Es war unglaublich. Es kam ihm vor, als würde er sie schon ewig kennen. Irgendwie hatte es diese Fremde geschafft, ihn total in ihren Bann zu ziehen. Mit ihrem Lächeln, ihren Augen und einfach allem. So was hatte er noch nie erlebt.

Auch als sie später am Strand spazieren gingen, barfuss im Sand, und sich von ihrem Leben erzählten war es, als wären sie so was wie Zwillinge im Geiste.

Sie hörte die gleiche Musik, lachte über die gleichen Witze, beendete seine Sätze.

Er hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Auch nicht an Seelenverwandtschaft… Aber nach nur 3 Stunden mit ihr war er kurz davor, all das über den Haufen zu werfen. Diese Frau war wundervoll…

And all I can taste is this moment
And all I can breathe is your life
Cause sooner or later it’s over
I just don’t want to miss you tonight

Natürlich hatte er schon Beziehungen gehabt, so mehr oder weniger… Er hatte auch geliebt, so irgendwie… Aber das war etwas besonderes. Sie war etwas besonderes. Das spürte er einfach…

Doch als sie zurück auf der Promenade waren färbten sich schon einige Wolken rot, es wurde Abend. Die Zeit war nur so dahingeflogen, an diesem Nachmittag.

Er wusste nicht mehr wie genau es kam, nur, dass sie plötzlich auf die Uhr sah und meinte, sie hätte wirklich keine Zeit mehr. Fast panisch verabschiedete sie sich und eh er sich versah stand er allein auf der Straße und sah ihr nach, wie sie forteilte.

Und er hatte weder ihre Telefonnummer noch ihren Nachnamen. Er wusste eigentlich überhaupt nichts über sie, nichts was ihm helfen konnte, sie wiederzusehen. Er wusste nur ihren Namen. Iris.

Er dachte, er könnte sie vergessen. Schließlich war es nur ein Nachmittag, an dem sie Zeit miteinander verbracht hatten. Er kannte sie ja kaum…

Doch überall wo er war, hielt er Ausschau nach ihr. Versuchte sie zu finden… Erst fragte er beiläufig Freunde nach einer rothaarigen Iris. Dann suchte er im Telefonbuch, rief die Auskunft an. Doch es schien keine einzige Iris in dieser Stadt zu geben. Das konnte doch nicht sein!

Mit der Zeit wurde er immer verzweifelter.

Zum einen, weil er diese Frau nicht aus seinem Kopf bekam und kurz davor war, sich einzugestehen, dass er sie liebte – was natürlich total absurd war, weil er sie kaum kannte. Zum anderen, weil er sie nicht finden konnte. Keinen Hinweis, nichts. An manchen Tagen war er sogar beinahe so weit zu glauben, dass sie tatsächlich eine Meerjungfrau war und aus dem Ozean gestiegen war, um ihn wahnsinnig zu machen.


And I don’t want the world to see me
Cause I don’t think that they’d understand
When everything’s made to be broken
I just want you to know who I am

Und wie so oft auf seiner Suche, machte er an eben diesem Tag im August wieder einmal einen Spaziergang durch einen ihm noch unbekannten Teil der Stadt.

Er ging entlang eines hohen, eisernen Zauns, auf der anderen Seite schien so was wie ein Park zu sein, es war eine recht hohe Hecke hinter dem Zaun und über der Hecke sah er große Bäume aufragen. Eine Kirche musste auch in der Nähe sein, denn plötzlich hörte er Glockenschläge. Ein Stück die Straße hinunter standen viele Autos und hinter einigen Bäumen erahnte er eine Kirche.

Aus irgendeinem Grund dachte er sofort an eine Hochzeit, seine Laune besserte sich. Wo viele Menschen waren, war vielleicht auch Iris!



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