An diesem Tag kam ein kleines Menschenmädchen mit ihrem Vater ins Tierheim.

„So, Isabelle, jetzt darfst du dir zu Weihnachten ein Kätzchen aussuchen!“, sagte er zu ihr. Mit glänzenden Augen sah sich das kleine Mädchen um. Schüchtern ging sie zur Fensterbank und streckte vorsichtig die Hand aus um Gismo zu kraulen. „Papa, die hier gefällt mir!“ „Meinst du? Ich fände eine kleine Katze besser“, meinte der Vater. Betzi kuschelte sich an Gismo. „Hoffentlich nehmen die Menschen mir nicht auch noch Gismo weg!“, dachte sie. „Die schwarze hier ist kleiner. Und ich finde sie richtig süß“, sagte das kleine Mädchen und zeigte tatsächlich auf Betzi. „Ich weiß nicht, ich finde die ziemlich hässlich. Wenn sie dir wirklich am besten gefällt, dann kannst du auch die große haben“, sagte der Vater. „Ja, die will ich! Obwohl mir die kleine Schwarze auch gefällt“, mit diesen Worten nahm das Mädchen Gismo liebevoll auf den Arm und ging in Richtung Tür. Lächelnd sah ihr Vater sie an und ging mit ihr. Gismo sah über die Schulter des Mädchens und er flüsterte leise: „Vergiss mich nicht!“ Dann verschwand das Mädchen mit ihm durch die Tür.

Wieder allein. Mit dem Schnee kam an diesem Tag die Einsamkeit zurück. So kurz vor Weihnachten. Und obwohl Betzi eigentlich nicht wusste, was Weihnachten ist, war sie traurig ausgerechnet jetzt so allein zu sein.

Sie suchte sich ein Körbchen oben auf dem Kratzbaum und sah sich um. Es war leer geworden. Einige alte Katzen lagen dösend herum und fauchten ab und zu die Halbstarken an, die sich lautstark um einen Tannenzapfen balgten.

Vor wenigen Tagen hatte man vier winzige Kätzchen gebracht, die wohl irgendein Mensch in einem Karton im Schnee gefunden hatte. Jetzt saßen sie mit großen Augen vor dem alten Tom und staunten über seine Weihnachtsgeschichten. „Die kleinen bleiben bestimmt nicht lange hier… so süße kleine Kätzchen werden immer zu erst ausgesucht“, dachte Betzi. Und sie behielt Recht. Drei der vier Kätzchen fanden noch vor Heilig Abend eine neue Familie.

Am Morgen des 24. Dezembers waren die anderen Katzen in heller Aufregung. Die sonst so faulen, alten Katzen streunten unruhig herum, putzten sich und schnurrten Weihnachtslieder. Sogar der alte Tom benahm sich wie ein Halbstarker, lief unruhig tänzelnd durch die Räume. Mittlerweile stand sogar ein Tannenbaum mit Spielzeugmäusen dran im Spielzimmer.

Betzi war die einzige, die sich von der guten Laune der anderen nicht anstecken ließ.

Aber warum sollte sie sich auch freuen? Die einzigen Katzen, die ihr je etwas bedeutet hatten, waren fort. Niemand verschwendete einen Gedanken an sie, seit Razor weg war gab es nicht mal jemanden der die ärgert. Niemals vorher hatte Betzi sich so alleingelassen gefühlt.

Gegen Mittag kam plötzlich eine von den Napfträgerinnen. Betzi schenkte ihr zuerst keine Beachtung, erst als die Napfträgerin direkt auf Betzi zuging, versuchte Betzi sich zu verstecken. Napfträgerrinnen ohne Napf bringen nichts gutes, das war Betzi seit Maves Tod klar. „Komm her, du kleines Ding“, schnarrte die Napfträgerin wie damals, dann griff sie mit ihren knochigen Händen nach Betzi.

Verzweifelt schlug Betzi nach ihrer Hand, doch mit einem geschickten Griff in den Nacken hatte die Napfträgerin sie unter Kontrolle. Sie trug Betzi durch die Tür, vor Angst schloss Betzi die Augen. Sie wollte nicht sehen was man mit ihr anstellt oder wo man sie hin brachte.

Unsanft landete sie in einer Transportbox. „Danke, das ist sehr nett von ihnen. Die kleine ist bei uns in guten Händen“, hörte Betzi einen männlichen Menschen sagen. „Sie müssen wissen was sie tun. Ich hätte ihnen auch das Junge gegeben. Ich hätte nicht erwartet, dass sich noch mal jemand für dieses Tier begeistern kann“, antwortete die Napfträgerin. „Meine Tochter hat nicht locker gelassen. Der Kater sieht auch nicht richtig glücklich aus. Na ja, ich wünsch ihnen schöne Feiertage!“

Vom Schaukeln der Transportbox wurde Betzi sehr übel. Dazu kam die Angst, denn sie wusste ja nicht was mit ihr geschah. Sie war so durcheinander, dass sie sofort einschlief als die Box still stand.

Als Betzi aufwachte, wusste sie nicht wo sie sich befand. Sie lag auf einem weichen, schneeweißen Kissen, vor ihr stand ein Napf mit Wasser. „Psst, lass sie erst mal wach werden. Und lass sie in Ruhe, bis sie sich zurecht gefunden hat“, flüsterte eine Menschenstimme. „Ja, Mami, ich bin nur so aufgeregt!“, flüsterte ein kleines Menschenmädchen. Betzi kannte diese Stimmt, konnte sie aber nicht einordnen.

Sie sah sich um. Der Raum war etwa genau so groß wie das Spielzimmer im Tierheim, allerdings war der Boden aus Plüsch und an den Wänden war so was wie buntes Papier. Es sah viel freundlicher aus als die kalten Fliesen im Tierheim. An den Wänden standen große Kratzbäume ganz aus Holz, aber auf den Liegeflächen standen irgendwelche Menschendinge. Das Licht war gelblich und strahlte Geborgenheit und Wärme aus, in der Ecke stand ein Tannenbaum, aber viel schöner und größer als der im Tierheim. Auf seinen Zweigen saßen kleine Flammen, die den Baum aber nicht anzubrennen schienen. Auf der anderen Seite des Raumes saßen drei Menschen auf riesigen Kissen, die um einen Tisch lagen.

Zwei dieser Menschen kamen Betzi unglaublich bekannt vor, aber sie wusste immer noch nicht warum. „Na Kurze, bist du wach?“, sprach eine Stimme die Betzi nur zu gut kannte. Das pelzige kleine Kissen, dass das Menschenmädchen auf dem Schoß hatte stand auf und kam zu ihr. „Gismo! Ich habe geglaubt ich sehe dich niemals wieder! Wo bin ich hier?“, Betzi sprang auf. „Das kleine Menschenmädchen war ganz traurig, dass sie dich im Tierheim zurückgelassen hat. Die großen Menschen haben zwar rumdiskutiert und sie auch angefaucht, da hat sie angefangen zu weinen. Schließlich ist der Vatermensch weggefahren und dann kam er mit dir wieder!“ erzählte Gismo aufgeregt, „Das sind wirklich nette Menschen, das Futter schmeckt viel besser als im Tierheim, ich habe ein eigenes Kissen und oben ist ein Spielzimmer ganz für uns alleine. Mit einem großen Kratzbaum und kleinen Spielmäusen!“ „Das ist ja unglaublich…“, antwortete Betzi. Da kam das kleine Mädchen zu Betzi, ganz vorsichtig streichelte sie über Betzis Rücken, dann hob sie Betzi behutsam auf ihren Arm. „Fröhliche Weihnachten, kleines Kätzchen. Ich werde dich Morle nennen!“, sagte das Mädchen lächelnd. „Nimms nicht so schwer, mich nennt sie Samson“, flüsterte Gismo.

Dieser Tag war der schönste Tag in Betzis Leben.

Sie verbrachte den ganzen Abend mit ihrer neuen Familie in dem Raum mit dem Tannenbaum. Endlich erfuhr Betzi, was es heißt geliebt zu werden.

Zum ersten mal fühlte sie sich geborgen. Wenn das Mädchen sie nicht streichelte, lag sie auf ihrem Kissen und genoss die Wärme in dem Raum. Draußen begann es wieder zu schneien. Große, weiße Wattebauschschneeflocken tanzten vor dem Fenster. Die Kerzen verbreiteten ein warmes Licht und aus einem anderen Teil des Hauses zog der Duft von Gänsebraten mit Rotkohl heran. Von irgendwo ertönte Musik und Betzi erkannte in der Melodie eines der Lieder, die der alte Tom in den letzten Tagen geschnurrt hatte. Am Abend waren die Menschen ganz aufgeregt, nachdem sie gegessen hatten gaben sie sich seltsame Kästen die in buntes Papier eingewickelt waren. Allerdings rissen sie das Papier kaputt, doch sie lachten und waren fröhlich, anstatt sich deswegen anzufauchen. Betzi und Gismo bekamen keine Kästen, dafür jedoch Gänseleber und Kartoffeln mit Bratensoße. Spät am Abend trug der Muttermensch sie in das Katzenzimmer, während der Vatermensch das kleine Mädchen in ihr Zimmer brachte.

Als sie allein im Zimmer waren und auf ihren Kissen lagen dauerte es nicht lange, bis Betzi und Gismo einschliefen. Doch bevor sie vollkommen im Land der Träume war murmelte Betzi: „Gismo, ich hab dich gern. Das war ein wirklich wunderschöner Tag. Ich mag Weihnachten und freue mich schon auf´s nächste Jahr. Gute Nacht!“ „Ich freue mich schon auf die nächste Gänseleber. Gute Nacht, Betzi!“

Und seit dem leben Betzi und Gismo in einer richtigen Familie. Betzi denkt noch oft an Mave und an die Katzen aus dem Tierheim, doch sie genießt auch jeden Tag in ihrem neuen Leben.

Ende



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