Betzi saß auf der Fensterbank und sah hinaus. Dort war ihr Lieblingsplatz und es gab oft interessantes zu sehen. Doch seit Tagen regnete es schon, nur morgens konnte man manchmal ein paar kleine einzelne Eisblumen an der Fensterscheibe entdecken. Diese lenkten Betzi ein bisschen von der grauen Monotonie der Stadt und den schwarzen Gitterstäben ab. Es war Anfang Dezember. Einige der Älteren sagten, es sei Advent und bald sei ein Fest namens Weihnachten, doch Betzi wusste nicht, was das bedeutet.

Nur die, die schon einmal draußen waren oder eine Familie gehabt hatten, wussten es und hatten dieses fröhliche Leuchten in den Augen. Sie erzählten von kuschelig warmen Zimmern mit weichen Kissen und gemütlichen Körbchen, von Kerzenlicht, vom Schmusen und von Streicheleinheiten, von Naschereien und Gänseleber. Doch Betzi fragte sich nur, was Gänseleber denn ist. Auch „Weihnachtsbäume“ sagten ihr nichts, nur die bunten Lichter kannte sie von den gegenüberliegenden Häusern.

Obwohl es ihr erster Winter war, ist Betzi noch nie draußen gewesen. Sie ist hier geboren, doch ihre Mutter ist bei der Geburt gestorben. Ihre Geschwister kannte sie kaum, da schnell Familien für sie gefunden wurden. Nur Betzi wollte niemand haben.

Aber wer will schon eine Katze mit einem halben Ohr und einem Knick im Schwanz?

Man hatte ihr nämlich bei der Geburt versehentlich ein Ohr abgerissen und dann war sie auf den Boden gefallen und jemand war ihr auf den Schwarz getreten. Immer wenn Menschen ins Tierheim gekommen waren und ein Kätzchen holen wollten, hatten die großen Menschen zu ihren Jungen gesagt: „Nicht das schwarze Kätzchen, das ist so hässlich!“

Darum war Betzi immer noch hier. Das machte sie sehr traurig, denn einige von den halbstarken Katern machten sich zudem noch über sie lustig. Aber ihnen ging es ja auch nicht besser, sie wollte auch keiner haben…

Betzi hatte nur eine einzige Freundin, die alte Mave. Mave war schon unglaublich alt, sie hatte früher bei einer alten Dame gelebt und auch mit ihr Weihnachten gefeiert. Sie erzählte Betzi sehr viel von dieser Zeit; davon, dass die alte Dame ihr an Weihnachten immer etwas vom Festessen gegeben hatte und dass sie besonders liebevoll gestreichelt und gekrault worden war. Mave vermisste die Zeit bei der alten Dame sehr. Sie war hier, weil die alte Dame eines Tages sehr krank geworden war und sich nicht mehr um Mave kümmern konnte.

„Es war besser so, denn sie hatte Krebs“, meinte Mave.

Wieder so eine Sache, die Betzi nicht verstand. Warum ist ein Krebs ein Grund, eine so wundervolle Katze wie Mave wegzugeben? Wer will schon einen hässlichen Krebs? Die sind doch zum essen… Aber Betzi verstand vieles nicht, was die Menschen taten. Es war ihr auch egal, denn sie war dankbar manchmal einfach zusammen mit Mave auf der Fensterbank sitzen zu können und hinauszusehen. Nur, wo war Mave heute?

Als der Regen anfing Betzi zu langweilen sprang sie von der Fensterbank und tigerte zu einem der Kratzbäume. Mave lag oft ganz oben in der Kuschelhöhle mit dem lila Plüsch, wenn ihre alten Knochen schmerzten. Doch nicht an diesem Tag.

Plötzlich öffnete sich die Tür, eine von den Napfträgerinnen kam mit zwei Männern in merkwürdigen, weißen Anzügen rein. Wunderliche Menschen.

„Sie liegt da hinten, im Futterraum, direkt neben der Tür. Ich glaube eine Spritze ist das einzig Sinnvolle“, schnarrte die Napfträgerin. Die drei Menschen gingen durch das Spielzimmer zum Futterraum und neugierig wie Betzi nun einmal war, wollte sie ihnen folgen. Die Männer knieten sich hin, neben irgendetwas Pelziges… Neben eine Katze! Betzi wollte sofort sehen, wer da lag, doch Gismo, einer von den Halbstarken, stellte sich ihr in den Weg. „Geh nicht hin, Kurze, sie holen Mave“, sagte er trocken. „Wieso holen sie Mave denn? Kriegt sie wieder eine Famile?“, fragte Betzi neugierig. „Nein, Dummchen. Mave ist alt und krank, es lohnt nicht mehr sie durch zu füttern. Sie schläfern sie ein“, rief Razor, der Chef der Halbstarken gelangweilt aus einem Körbchen.

Es war, als zerbräche ein Spiegel. Die Welt stand still und zersprang im gleichen Moment in tausend Teile. Alles wurde dunkel und war gleichzeitig in gleißendes Licht getaucht. Es war totenstill und ein kreischender Schrei zerriss die Zeit. Tränchen rollten aus Betzis grauen Augen und blieben in ihren Schnurrhaaren hängen. Betzi verstand es nicht.

Mave konnte nicht sterben! Sie durften sie nicht holen! Gibt es denn kein Recht auf Leben?

Mave war doch Betzis beste und einzige Freundin. Wenn Mave tot war, dann hatte sie niemanden mehr. Wer würde ihr jetzt von Weihnachten erzählen? Und wie sollte sie sich jemals wieder auf einen Advent freuen, jetzt wo sie diese Zeit mit Einsamkeit verband?

„Leg dich erst mal hin und ruh dich aus. Du kannst eh nichts daran ändern. Es kommen wieder hellere Zeiten“, meinte Gismo. Und Razor ergänzte: „… und jede Katze die hier weg ist erhöht deine Chance vielleicht doch eine Familie zu finden. Zumindest wenn dein Ohr nachwachsen würde.“

Doch Betzi hörte seine Stichelein nicht. Die Frage nach dem Grund dieser Tragödie grub sich in ihrem Kopf, sie nahm nichts mehr wahr.

An diesem Tag ging die Welt für Betzi unter. Der Regen trommelte weiter an die Fenster, die Halbstarken balgten sich, die Kleinen jammerten und die Alten lagen dösend herum, einige Katzen schnurrten Weihnachtslieder. Alles war wie immer, doch trotzdem war alles anders. Nun war Betzi wirklich allein.

Sie saß auf der Fensterbank und starrte in die Dunkelheit. Irgendwann schlief sie ein.

Am nächsten Morgen weckte sie das Gezeter eines Menschenjungen: „Ich will aber eine schwarze Katze! Streifen sind total out! Alle haben gestreifte Katzen, das ist total doof!“ „Aber die einzige Schwarze ist die hässliche da auf der Fensterbank. Guck mal da, die kleine Weiße ist doch auch putzig!“, meinte die Menschenmutter, „Die schwarze ist sicher ganz wild, so zerzaust wie die ausschaut!“ „Hmmm… Okay! Ich nehme die Weiße! Ich werd sie Schneeball nennen“, quiekte das Kind, packte die Katze und strahlte über das ganze Gesicht.

An diesem Tag wurden noch drei weitere Katzen geholt. Laut Gismo holten sich viele Menschen vor Weihnachten ein Haustier, aber die meisten seien spätestens zu Beginn der großen Hitze wieder im Tierheim, weil es den Menschen zu stressig sei, sich um die Tiere zu kümmern. Doch Betzi interessierte das nicht, sie würde sowieso niemand mitnehmen.

Sie sah weiter aus dem Fenster in den Regen, verschwommen sah sie einige Lichter auf der anderen Straßenseite. Nur als ein kleines Kind mit einer Weihnachtsmütze an ihrem Schwanz zog schreckte sie hoch und fauchte das Kind an.

„So findest du niemals eine Familie“, schnurrte Razor während die Mutter des Kindes ihm den Bauch kraulte. Es war unglaublich, dass ausgerechnet Razor an diesem Tag eine Familie fand. Eigentlich sollte Betzi sich freuen, dass sie nie mehr seinen Sticheleien ausgesetzt war, doch es war ihr egal. Sie war trotz allem ganz allein.

Nur Gismo kam ab und zu, setzte sich neben sie und starrte aus dem Fenster. Und manchmal sah er sie mit seinen smaragdgrünen Augen einfach nur an.

„Sie fehlt dir wirklich sehr, oder?“, fragte er plötzlich, „Also Mave, meine ich.“ Machte er sich etwa Gedanken um Betzi? „Ja, sie war meine einzige Freundin“, antwortete Betzi und schaute weiter aus dem Fenster, „Warum fragst du?“ „Ich wusste nicht, dass dir das so nah geht. Hast du nicht Lust, dir die Weihnachtsgeschichten vom alten Tom anzuhören?“ „Nein Gismo, vielleicht morgen“, sagte sie und drehte sich von ihm weg. Sie sah nicht, wie traurig Gismo sie ansah bevor er ging. Sie wusste auch nicht, dass Gismo sie eigentlich schon immer nett fand, obwohl er sie oft mit den anderen Halbstarken geärgert hatte. Sie dachte nur an Mave und daran, dass sie nie mit ihr Weihnachten feiern würde. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden.

In den nächsten Tagen klebten einige Napfträgerinnen bunte Sterne an die Fenster und hängten Tannenzweige an die Decke. Und dann, am 20. Dezember fiel der erste Schnee. Riesige, weiße Wattebauschschneeflocken tanzten vor dem Fenster, draußen war alles weiß. Keine triste, graue Straße mehr, auch kein prasselnder Regen. Nur noch weiße Stille.

Mittlerweile hatten fast die Hälfte der Katzen, die zu Beginn des Monats noch im Tierheim waren, eine Familie gefunden. Betzi war sich sicher, dass sie niemand mehr holen würde. Sie saß jeden Tag auf der Fensterbank und immer öfter leistete Gismo ihr Gesellschaft. Er konnte Mave zwar nicht ersetzen, aber hin und wieder brachte er sie zum Lachen.



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